Projekt Gegengewichtskatapult und Hybridblide
Das Modell
Die erste Umsetzung
Die Raue Frieda - das aktuelle Gegengewichtskatapult
Rapunzel - unsere kleine Hybridblide
Schicksalsschlag für die Raue Frieda (NEU)
Das Trebuchet - die Blide
Eine der gefürchtetsten Waffen des Hoch- und Spätmittelalters waren die Katapulte. Weite Verbreitung fanden die Gegengewichtskatapulte. Eine sogenannte Trebuchet (französisch) oder Blide (deutsch) konnte Steine von 10 kg bis weit über 100 kg mehrere hundert Meter weit schleudern. Manche Quellen bzw. Buchautoren sprechen für das Spätmittelalter von Geschossen, die zwischen 500 kg und 1.000 kg wogen und ebenfalls über große Entfernungen geschleudert wurden.
Das Modell
Fasziniert von der Technik und der Durchschlagskraft dieser Gegengewichtskatapulte, machte sich unser Zimmermann Jan Altmann im Herbst 2003 an eine vorläufige Planung. Er überraschte uns kurze Zeit später mit einem kleinen "Modell": Bei einem kurzen Telefongespräch teilte er mir mit, dass das Modell fertig sei - ich könnte es mir anschauen. Nun, ich erwartete ein Modell. Als ich dann vor seinem Haus stand, wusste ich, dass schwäbische Zimmermänner andere Vorstellungen von "Modellen" haben, als schwäbische Ingenieure. Eigentlich hätte ich es wissen müssen...
Das erste Modell hat keinen Anspruch auf historisch korrekte Verarbeitung oder Materialien, es sollte unserem Zimmermann lediglich die Funktionsweise und die möglichen Probleme aufzeigen.
Technische Daten des Modells
Wurfarm: ca. 2,5 m Länge
Gegengewicht: bis ca. 120-130 Kg
Geschossgewicht: ca. 1,5 Kg
Erzielte Weite: 80-100 m
Wie gesagt - ein "Modell".
Klicken Sie auf das Bild, um die Blide in Aktion zu sehen!
Im weitern Verlauf des Winters 2003 wurden bei meinem Onkel Heinrich Single auf dessen Bauernhof, dem Burrishof in Frickenhausen, einige Bäume gefällt. Hier konnten wir Material für das nun geplante "größere" Katapult sammeln. Wir haben dann mit einem Tieflader die Stämme vor Jans Haus abgeladen. So manche Ehefrau hätte spätestens jetzt ihren Mann erschlagen.
Jan machte sich mit Schlagschnur und Behaubeilen an die Arbeit. Da es unser Anliegen ist, möglichst nah am historischen Original zu arbeiten, wollten wir auch hier keine Ausnahme machen. Ziel sollte es also sein, alle benötigten Balken mit "historischen Handwerkstechniken" herzustellen. Dies dauerte den ganzen Sommer und Herbst 2004. Auf diversen Veranstaltungen wurde von unserem Zimmermann die Technik des Behauens vorgeführt und so weitere Balken gewonnen. Für die Behau-Technik und die Werkzeugauswahl wurden Bücher von Günther Binding und das "Bauhüttenbuch" von Villard de Honnecourt als Quellen herangezogen.
Technische Daten des 2. Katapults:
Wurfarm: ca. 7 m Länge
Gegengewicht: bis ca. 1.000 kg
Geschossgewicht: ca. 10-30 kg
Erzielte Weite: ca. 150-200 m
Im Februar und Anfang März 2005 konnten die nun fertigen Böcke verbunden werden:



Die Montage des Wurfarms wurde am 5. März 2005 vorgenommen. Der Wurfarm mit einem Gewicht von ca. 180- 200 kg musste mit Muskelkraft in das auf ca. 3 m Höhe liegende Holzlager mit der Eichenachse eingesetzt werden.
Als nächstes wurden der Gegengewichtskasten montiert und die Mechanik des Auslösers gebaut. Timo steuerte noch eine handgeflochtene Hanfschlinge für die Steine bei und auf dem Infotag des Vereins im März 2005 erlebte das Katapult seine Prämiere vor Publikum.
Ohne den unermüdlichen Einsatz von Jan wäre dieses Projekt nur eine Idee geblieben. Herzlichsten Dank an diesen wunderbaren Arbeiter und an seine Familie, die ihn immer unterstützt hat.
Jan ist im Februar 2005 zum vierten Mal Vater geworden. Meine ritterlichsten Grüße und Glückwünsche an das neue Familienglück. Mir Schwoba send halt Pfondskerle!
Stand 05.03.05
Verfasser: Markus Single
... oder die Geschichte vom Zimmermann und den Katapulten geht weiter:
Nachdem das Katapult auf mehreren Veranstaltungen die Zuschauer in Scharen angezogen hatte, kam mit dem Abbau des 3. Großbettlinger Infotages die Schicksalsstunde unseres Trebuchets: Sich bei nasskaltem Wetter verziehendes Holz und eine "obacha" feste Sicherung der Hauptachse durch moderne Spacks machten einen geordneten Abbau des Katapults unmöglich. Nach stundenlangen Versuchen riss unserem Zimermann der Geduldsfaden; er griff zur Säge und rückte der widerspenstigen Achse zu Leibe. Dem Herre steigen heute noch die Tränen in die Augen, wenn er an die erbarmungslos niedergemachte Konstruktion denkt, doch der Zimmermann dachte nur "Was regt der sich auf? Mach ich's halt neu!".
Gesagt, getan. Allein - bei der neuen Achse blieb es nicht. Hatte es im Verein ohnehin Diskussionen darüber gegeben, ob der Wurfarm in Länge und Dicke richtig ausgewogen oder zu wuchtig oder zu stumpig sei, so bot sich Jan nun die perfekte Gelegenheit, der eigenen Theorie diesbezüglich Gestalt zu verleihen. Und was für eine Gestalt! Schlanke 9 m grob geschältes Eschenholz fanden nun Halt auf zwei nagelneuen Böcken... wenn man(n) grad so schön dabei ist... Und nun erhielt das Katapult auch einen Namen - die "Raue Frieda" begleitet die Reisecen seit 2007 als ungebrochen großer Publikumserfolg, der bei Tag und mit brennenden Geschossen bei Nacht für Aufsehen sorgt.
Hier einige Eindrücke von diversen Veranstaltungen:
Die Raue Frieda in Aktion gibt es hier im Film zu sehen! Oder lieber FEUER gefällig?
Stand September 2008
Tanja Krichel
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Wer 2007 nun dachte, jetzt geht es nur noch größer, schwerer und weiter, der sollte sich getäuscht haben. Mit dem Aufbau unserer kleinen Hybridblide "Rapunzel" im Frühjahr 2008 orientierten wir uns an Vorlagen aus der Kreuzfahrerbibel und einem Steinrelief aus Carcassonne (Basilika Saint-Nazair), welches die beherzte Verteidigung der Stadt Toulouse durch Raimund VI. während des Albigenserkreuzzugs zeigt.
Überraschend und geradezu demütigend musste die durch Simon de Montfort angestrengte Belagerung der Stadt geendet haben, als am 25. Juli 1218 Simon de Montfort durch ein ihn frontal treffendes Geschoss einer eben solchen Hybridblide getötet wurde, welche von Frauen* bedient wurde!
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Überrascht waren auch wir, als wir schon nach wenigen Schussversuchen feststellten, dass dieses überaus handliche Katapult erstaunliche Weiten erzielen konnte. Mit sechs Mann an den Zugseilen erzielten wir bei einem Steingewicht von 2 kg bereits Reichweiten von 70-80 Meter!
Gepaart mit einer hohen Schusslatenz und einer guten Mobilität (das Katapult konnte von uns einfach weggetragen und neu positioniert werden) machte es uns sofort einen riesen Spaß und zeigte uns zugleich das große Potential dieser einfachen Verteidigungswaffe.
Hier Eindrücke von der Verteidigung der Bachritterburg im Sommer 2008, als unsere Rapunzel (so getauft wegen seiner langen "Zöpfe") von der verbliebenen weiblichen und männlichen Burgbesatzung bedient wurde:

Ein paar Details:

* Dass es Frauen waren, welche die Steinschleuder bedienten, wird nahezu überall überliefert. Es liegt mit dem "Canzo de la Crosada" von Guilhèm Tudèla und einem anonymen zweiten Dichter aber auch ein Originaltext der Jahre 1209-1219 vor, der dies berichtet:
"Ac dins una peireira, que fe us carpenters,
Qu'es de Sent Cerni traita la peireire el solers
E tiravan la donas e tozas e molhers..."
Frauen und alte Männer sind auch auf dem Relief aus Carcassonne zu erkennen. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass solch kriegerisch "ungeschultes" Peronal mit den vergleichsweise leichten Geschossen und schon geringer erfoderlicher Zugkraft pro Kopf das oben beschriebene (Un)heil durchaus anrichten kann. Es könnte sich aber auch um eine, die Demütigung noch erhöhende Übertreibung des Dichters handeln.
April 2009
Markus Krichel
Schicksalsschlag für die Raue Frieda
Größe. Was ist Größe? Sinnieren wir ein wenig …
- Größe im Sinne von Abmessung bezeichnet die relevanten Längenmaße eines Gegenstandes
- Größe im Sinne von Großmut ist die Charaktereigenschaft einer Persönlichkeit, auch vorwerfbare Taten gegen sich vergeben zu können
- „Groszmuth ist Edelmuth mit Selbstbesiegung“
Dem Weltwissen der Wikipedia dankend, greifen wir also drei Kernbegriffe dieser treffenden Definitionen heraus: „Längenmaße“, „vorwerfbare Taten“ und „Selbstbesiegung“. Untersuchen wir nun, wie diese Begriffe in Einklang zu bringen sind und was sie mit der Rauen Frieda zu tun haben.
Die Geschichte beginnt im regnerischen Mai des Jahres 2010 mit einem harmlosen Holzkauf. Es treten auf Jan der Zimmermann, sein Vater, ein Mobiltelefon und Krichels Markus. Der Erste beauftragt den Zweiten eines Tages Holz zu kaufen und simst mit Drittem den Vierten an: „Dädsch am Samschdich vorbeikomma? Mr sott am Katapult ebbes macha …“ Bei „ebbes“ kommen nun bereits die Längenmaße ins Spiel: Der bisherige Gegengewichtskasten der Rauen Frieda schien dem Zimmermann „ebbes“ zu kurz, „ebbes“ zu klein und „ebbes“ zu leicht. „Ebbes“ größeres sollte her. Denn „ebbes“ weiter wollte man(n) doch in Zukunft kommen beim Schleudern.
Das bestellte Holz durchlief eine Metamorphose und wandelte sich im Laufe jenes Samstages zu einem neuen Gegengewichtskasten. Auch ohne mathematisch exakte Volumenberechnung war am Abend eines klar: Doppelte Größe, doppelt mögliches Gegengewicht … hoppla …
Die kleine Überraschung oder das Hoppla in der Entstehung

Zu klein! >>> Schon besser…
Hoppla, das dachte sich wohl auch die wartende Aufbautruppe, als Jan am Vorabend der Bachrittertage breit grinsend anreiste – vor sich Markus mit einem zweiten Anhänger, der die kleine Überraschung trug. Nach gebührenden „Ohs!“ und „Ahs!“ aber auch väterlich strengen (und doch unverkennbar stolzen) Blicken unseres fassungslosen Vereins-Chefs Markus Single, wurde das Katapult abgeladen, die beiden prächtigen Triböcke aufgestellt, Wurfarm, neues Gegengewicht und Achse in Position gewuchtet und montiert, Bausprieß und Seilzug in Stellung gebracht. Sogar die Spaten für das Ausheben der finstren Grube für den Erdanker waren schon bereit gelegt. Doch man ahnt, dass bei einbrechender Dämmerung nun allmählich die vorwerfbaren Taten ins Spiel kommen …
Der erste Vorbote des nahenden Verhängnisses zeigte sich im zitternden Strahl einer Taschenlampe. Diese richtet ihr wachsames Licht auf den genannten Sprieß, an dem Gewicht, Achse und Wurfarm in ihre Endposition zwischen den Triböcken empor gezogen werden sollten. Unser Herr(e) wachte über uns – und das darf im doppelten Sinne wohl verstanden werden. Denn als der Sprieß nachgab und sich durchbog, spritzten in langen Sätzen Alle aus dem Gefahrenbereich! Nichts passiert! Ablassen, morgen weitermachen!
Nacht über Kanzach. Auftritt Sina, ein weiteres Mobiltelefon und Pomm, der Riedlinger Kumpel mit den unglaublichen Verbindungen. Ein, zwei Telefonate später und ein Ersatz für den mürben Sprieß war gefunden. Und weil doppelt viel besser hält, war am anderen Morgen auch Norbert Müllerschön mit einem weiteren Bausprieß zur Stelle – dieses Problem war erledigt.
Man stelle sich nun das Szenario des Donnerstag-Morgens vor. Fronleichnam, es goss in Strömen, der tiefschwarze fruchtbare Kanzacher Mutterboden schmatzte bereits geräuschvoll unter den Füßen. Aus ihren klammen Zelten krochen wacker die angereisten Schwaben, Franken und von Badens Tapfersten einer – Ärmel hoch! Den neuen Sprieß gesetzt, frisch durchnässt ans Werk! Durchnässt … alles durchnässt – Mannen und Material …
Wer den Feiertag nicht ehrt, wird bestraft…
Was nun folgte, lässt sich nicht wirklich in Worte fassen. Lange noch in Erinnerung bleiben werden mir Martins leise Frage und sein banger Blick. Er, der den schwersten Moment des Tages nicht miterleben musste, begegnete mir kurz danach etwa 100 Meter entfernt vom Ort des unseligen Geschehens – „Was war das eben für ein Geräusch … ?!“
Mürbe splitternd, nasszäh reißend – fast ein wenig resigniert im Klang … so brach an jenem kummervollen trüben Frühsommermorgen der Wurfarm der Rauen Frieda unter der übermächtigen Last des neuen Gegengewichtskastens.
Nach dem Aufstieg der Fall?
Schweigen unter den Mannen.
Respektvolles Zurücktreten.
Keine Aufregung. Kein Schimpfen. Kein Wort ob der vorwerfbaren Taten.
Stillstand. Gedenkminute. Erholung von der bösen Überraschung.
R.I.P.
„No wisset mr des jetzt au.“
Stille Größe. Männer – das zeichnet euch aus, wie sonst keine zweite Truppe!
Gelangen wir nun also von den Maßen in Zenti- und Kubikmetern, über den gelassenen Großmut der Selbstbesiegten zur zweiten Natur der Selbstbesiegung, dem dritten der eingangs gewählten Leitbegriffe.
Kapitulieren? Hinschmeißen? Die Katapultvorführung gar absagen? Nichts davon schien auch nur ansatzweiße durch die Hirne dieser schwäbisch-fränkisch-badischen Kaputtmachermeute zu gehen! Auf den Schrecken erst einmal angestoßen und dann furchtlos und treu der Welt die einzig denkbare Lösung verkündet: Ein neuer Wurfarm muss her!
Die Trauerfeierlichkeiten: Die Raue Frieda ist tot! Es lebe die Raue Frieda!
Nun treten auf drei unerschrockener Samariter seitens der Bachritterburg: Museumsleiter und Festival-Organisator Rudolf Obert, Zimmermann Helmut Wuttge und Sägewerksbesitzer Erich Reichert machten möglich, was keiner dachte: Am Morgen des folgenden Tages wollte man in den nahe Wald ausrücken, eine Esche schlagen und dem Reisecen-Trupp im Sägewerk Schaffensraum geben. Wieder einmal erwies sich, dass Erfolg drei Buchstaben hat – TUN. An dieser Stelle sei unser allergrößter Dank an diese drei wackeren Oberschwaben ausgesprochen! Das werden wir Ihnen nicht vergessen!
Der Freitag steht also im Zeichen der Selbstbesiegung – immer tapfer gegen den inneren Schweinehund! Die Sonne brennt vom Himmel, doch in einem Tagewerk schälen Jan, Timo, Jochen, und Markus aus der frischen Esche den neuen, konstruktiv verbesserten Wurfarm des großen Katapults. Mit neuen Eisenbändern umspannt, den schweren schmiedeeisernen Schuh an der Spitze fährt das gute Stück pünktlich zu Beginn des an diesem Abend angesetzten Festbanketts im Lager ein. Vier sonnenverbrannte, ausgehungerte, glückliche Mannsbilder stehen um das neue Schmuckstück herum. Eine Runde Durstlöschen, umgezogen und auf zum mittelalterlichen Festessen in den kühlen Hof der Bachritterburg! Vier Mal müder Schritt strafft sich, als Jubel zum Empfang aufbrandet. Vier Mal verlegenes Grinsen … hey Jungs – aber das Wort „Helden“ benutze ich jetzt nicht auch noch!
Unser Frieda-Kleeblatt
Juni 2010
Tanja Krichel
Für Daten-Fans hier noch ein paar technische Größen-Angaben:
Kanzacher Wurfarm ca. 10 m Länge
Neues Gegengewicht jetzt bis ca. 2.000 kg möglich
Geschossgewicht ca. 10-30 kg
Erzielte Weite nachweislich 182 m (bei halbem möglichen Gegengewicht)
Was vom Tage übrig bleibt

