Die Reisecen e.V.

Gesellschaftspolitik

Die Herren von Neuffen im Hochmittelalter

Zu Beginn des Hochmittelalters begann der Adel sich aus den Tälern in die höher gelegenen Bereiche der Schwäbischen Alb zurückzuziehen. Der steil abfallende Albtrauf bot ein ideales Gelände für den aufkommenden Burgenbau aus Stein. Allein am Albtrauf sind in dieser Zeit mehr als 250 Höhenburgen entstanden. Der Hohenneuffen war eine von ihnen. Dass die Lage hervorragend gewählt war, bezeugen uns einige fehlgeschlagene Belagerungsversuche aus verschiedenen Jahrhunderten. Jedoch war der Hohenneuffen wahrscheinlich nicht erst im ausgehenden 12. Jh. bebaut worden, sondern schon einige Zeit früher. Vielleicht stand dort schon eine der vielen Motten (Holzburgen), die im Hochmittelalter üblich und weit verbreitet waren (Vermutung v. R.).

Bereits im Jahre 615 wird ein Comes (Graf) de Niffen genannt, der an einer Bischofswahl in Konstanz teilgenommen hat. Weiter erscheint im Jahr 1028 ein Samandus, Comes de Nuffen, in Urkunden. Erstes verbürgtes Wissen taucht aber erst mit Mangold von Sulmetingen auf. Dieser ist zwischen 1087-1122 bezeugt und wird zwischen 1140-1150 als Herr von Neuffen genannt. Seine Stammburg lag bei Obersulmetingen/Laupheim. Mangolds Vater Berthold erbaute gegen Ende des 11. Jahrhunderts die Burg Sperberseck (andere Quellen nennen den Sulmetinger nicht als Erbauer). Mangold baute Anfang des 12. Jahrhunderts den Hohenneuffen. Außer dem neuffischen Besitz gehörte ihm auch Landbesitz um Köngen, in Schwäbisch-Bayern (Sulmetingen-Weißenhorn) und im Thurgau in der heutigen Schweiz. Seine Frau Mathilde (Machtilt) war eine Tochter des Grafen Egino von Urach. Während des Investiturstreits stand Mangold auf der Seite der Zähringer und Welfen (die vermutete Stammburg der Zähringer liegt bei Weilheim/Teck, einen Steinwurf vom Hohenneuffen entfernt) und war so ein Feind der schwäbischen Stauferherzöge. Mangold fiel bei einem Gefecht mit dem staufertreuen Bischof von Würzburg.

Die Verwandtschaft Mangolds hatte weiten Einfluss. So hatte vermutlich einer seiner Brüder die Bannerträgerwürde von Schwaben inne, jedoch auf Seiten der Zähringer Gegenherzögen. Mangolds Sohn Egino hatte schon 1125 auf dem Neuffen sein Herrensitz, stirbt aber 1145 kinderlos im Kloster Zwiefalten. Er wird in Urkunden häufig als Graf bezeichnet. Ein Ahne der Sulmetinger ist der heilige Bischof Ulrich von Augsburg (er war an der Lechfeldschlacht 955 maßgeblich beteiligt). Eginos Schwester Mechthild war im Kloster und hatte dort einige Bücher geschrieben. Hildegard von Bingen hatte mit dieser frommen und gelehrten Frau Briefkontakt.

Nach Eginos Tod 1145 schweigen die Quellen über die Neuffener. Erst ein Berthold von Neuffen (1160-1222) wird 1160 wieder genannt. Berthold ist wohl ein Sohn oder Enkel von Eginos Bruder Liutfried. Berthold wird zuerst Berthold von Weißenhorn genannt. Die Besitzungen von Berthold waren Weißenhorn mit neun Ortschaften, Neuenburg an der Kamel, Hohenneuffen mit den Orten Neuffen, Beuren, Balzholz, Erkenbrechtsweiler, Grabenstetten, Großbettlingen, Linsenhofen und Frickenhausen. Durch Heirat mit der Grafentochter von Achalm-Gammertingen-Hettingen
(ein staufisches Lehen) kam dieser Besitz auch noch dazu. Berthold verwaltete seine Güter bis 1198 von Weißenhorn aus, dann wurde der Neuffen zu seinem Hauptsitz. Es werden dafür zwei mögliche Gründe angenommen: Erstens ist dieser Sitz zentraler unter seinen Besitzungen und zweitens ist Neuffen deutlich näher bei den Staufern, für die sich die Neuffener von nun an ganz besonders einsetzen sollten. Berthold hat die Burg wahrscheinlich umgebaut, was dazu führte, dass man 1998 die 800-Jahrfeier der Burg veranstalten konnte. Berthold besaß nun sechs (!) Burgen und lebte in fürstlichen (grafenähnlichen) Verhältnissen. Er konnte seine Macht vergrößern und sein Geschlecht dem Königs- bzw. Kaiserdienst zugänglich machen. Berthold wird zwar nicht in Friedrich Barbarossas Umfeld genannt, unterstütze aber die Wahl Philipps von Schwaben zum Gegenkönig der Welfen. Bis zu seinem Tode 1222 ist Berthold in staufischer Umgebung bezeugt und reitet bis ins hohe Alter im Hofstaat mit. Er vertrat die Interessen seines Geschlechtes und ist in Urkunden als Graf oder in der Rangfolge unmittelbar danach aufgeführt.

1211 wird Friedrich II. zum Gegenkönig gewählt. Berthold muss sich für seine Wahl eingesetzt haben, da sein ältester Sohn Heinrich I. zusammen mit Anselm von Justingen den ehrenvollen Auftrag bekam, den Staufer von Sizilien nach Deutschland zu holen. Berthold hat den jungen Staufer wohl von Pfalz zu Pfalz begleitet. Berthold stirbt nach 1222 und wird im Kloster Zwiefalten beigesetzt. Zwei seiner Kinder wurden Kleriker: Sein gleichnamiger Sohn Berthold wird Fürstbischof von Brixen, seine Tochter Mathilde wird Äbtissin in Obermünster/Regensburg.

Heinrich I. von Neuffen nannte sich Zeit Lebens Graf, dieser Titel ist aber nach H.-M. Maurer nicht rechtmäßig (richtiger wäre Edelfreier von Neuffen). Aus Heinrichs Ehe mit Adelheid von Winnenden gingen zwei Söhne hervor. Heinrich II. von Neuffen und Gottfried von Neuffen, der Minnesänger, der mit über 50 Texten in der Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse) vertreten ist. Heinrichs drei Töchter wurden mit anderen Adeligen verheiratet.

1220 wurde Friedrich II. zum Kaiser gekrönt. Zwei Brüder Heinrichs II. begleiteten ihn dabei. Friedrichs Sohn, Heinrich VII. wurde in der Obhut des Neuffeners gelassen und Friedrich ernannte den Neuffener zum Regenten von Schwaben. Dies jedoch nur für ein Jahr, denn Heinrich II. nutzte diese Position, um kaisertreue Adelige mit harten Maßnahmen zu belegen. Friedrich II. setzte ihn ab, beauftragte aber einen Verwandten mit dem Amt. Heinrich II. fühlte sich vermutlich von Friedrich vor den Kopf gestoßen. Heinrich wollte Friedrich im Lande wissen, doch verbrachte Friedrich mehr Zeit in Sizilien, als in seinem schwäbischen Stammland.

Der Neuffener ist nun mal am Königshof, mal am Kaiserhof (Teilnahme am Hoftag in Ravenna) genannt. Heinrich und sein Bruder Albert nahmen auch am 5. Kreuzzug 1228/29 teil. Trotzdem bekennt sich Heinrich in den Jahren danach zu König Heinrich VII. und wird 1234 von ihm beauftragt, die Burgen des Grafen von Hohenlohe zu brechen. Die Grafen von Hohenlohe waren jedoch Kaisertreue. Der König wurde deswegen vom Kaiser mit der Zahlung von 2000 Mark Wiedergutmachung an den Grafen von Hohenlohe verurteilt. Diese wurden zwar gezahlt, es kam jedoch zur offenen Revolte gegen Friedrich II. Zu den königlichen Verbündeten zählten auch die Grafen von Urach, von Teck
und selbst Anselm von Justingen. Dies zeigt deutlich die starken Bande zwischen den Mächtigen der Schwäbischen Alb. Heinrich I. von Neuffen wurde von König Heinrich VII. beauftragt, mit der Lombardenliga zu verhandeln und
war als Gesandter beim französischen König. Heinrich II. zerstörte das Kloster Backnang mit großer Härte
(der kaisertreue Markgraf von Baden war Schutzherr des Klosters) und wurde deswegen vom Bischof von Speyer
mit dem Kirchbann belegt.

Im Mai 1235 kam der Kaiser ins Reich zurück und der Aufstand brach, nur im Schwäbischen fanden Gefechte statt.
So wurden die Burg Hohenneuffen vom Grafen von Hohenlohe belagert, die Achalm von Friedrich von Zollern.
Die Belagerung des Hohenneuffen wurde abgebrochen, da das Aufgebot wohl zu klein war, wie der Graf von Hohenlohe in einem Brief an den Kaiser mitteilte. Die Achalm wurde von Heinrich von Neuffen und Anselm von Justingen verteidigt. Ihnen zu Hilfe kamen noch die Brüder Heinrichs, Graf Egino von Freiburg und der Graf von Urach. Dieser beachtlichen Streitmacht gelang es, bei Ausfällen einige gegnerische Ministeriale zu verwunden und gefangenzunehmen. Am 21. Juni 1235 kam es im Ermstal (Dettingen, Metzingen, Urach) zur freien Feldschlacht.
Hier standen nun die kaisertreuen Verbände unter dem Bischof von Konstanz den königlichen Verbänden der Grafen von Urach, von Teck, von Neuffen und Anselms von Justingen gegenüber. Einem Konstanzer Chronisten zufolge dauerte die Schlacht vom Mittag bis zum späten Abend. Doch die Neuffener und ihre Verbündeten unterlagen. Heinrich II. und sein Sohn Gottfried wurden mit weiteren 40 Rittern und Knechten gefangengenommen. Auf dem Reichstag zu Mainz wurde die Reichsacht über sie verhängt. Heinrich verlor sein staufisches Lehen - die Achalm. Doch schon 1236 scheint der Neuffener rehabilitiert zu sein und erscheint 1237 mit des Kaisers Söhnen vor Friedrich II. in Straßburg. Dort wurde Heinrich II. von Neuffen offenbar wegen seiner früheren Verdienste begnadigt.

1240/41 tritt Heinrich II. von Neuffen erneut gegen den Kaiser an und sympathisiert mit dem Herzog von Bayern.
In Straßburg trifft er seinen Freund Berthold von Teck, den Bischof von Speyer. Einen Legaten des Papstes trifft er dort ebenfalls und dieser lobt ihn als einen Mächtigen und Vornehmen und hebt auch Heinrichs Kenntnisse in Grammatik, Italienisch und Französisch hervor und empfiehlt ihn so als Berater des Papstes für die Wahl eines Gegenkönigs. Ein Treffen zwischen dem Papst und dem Neuffener findet offenbar jedoch nicht statt, da man den Papst nicht zu seinen Freunden zählt. Am Ende seines Lebens geht Heinrich ins Kloster Salem und stirbt nach 1246.

Quelle: Walter Bär, Der Neuffen, 1992, Herg. Stadt Neuffen
Zusammenfassung: Markus Single